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Kunstherz: Mein Leben mit der Maschine

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Am Schreibtisch in der Berliner GdP-Zentrale lädt Oliver Malchow stets Ersatzbatterien für sein Kunstherz auf. Maximal sechs Stunden hält so ein Akku. 

Oliver Malchows Leben hängt an einer schwarzen rechteckigen Tasche: Der 52-Jährige hat ein Kunstherz, die Batterien dafür muss er immer bei sich tragen. Nach einem Herzinfarkt setzten ihm die Ärzte im Deutschen Herzzentrum Berlin die künstliche Herzpumpe ein. Rund 2000 Menschen in Deutschland leben wie Oliver Malchow damit.

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Privatdozent Dr. Evgenij Potapov vom Deutschen Herzzentrum.

Foto:

 DHZB

Es ist eine Alternative zum Spenderherz. Das steht heute viel seltener als früher zur Verfügung. Nach den Organspende-Skandalen sinkt die Spendebereitschaft der Deutschen. Dadurch steigt die Zahl der Schwerkranken auf der Warteliste fürs neue Leben. Die künstliche Herzpumpe rettet sie immer öfter.

Manchmal soll Oliver Malchow die Tasche, deren breiter schwarzer Gurt quer über seine Brust geht, abnehmen. Wenn Fotos gemacht werden bei offiziellen Terminen. Als Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) gibt es für ihn viele Anlässe. Er sagt dann mit seinem trockenem Humor nur knapp: „Das wäre das erste und das letzte Mal.“

Einfach so weiterleben wie vor dem Herzinfarkt möchte er endlich. „Eigentlich will ich gar nicht über das Ereignis reden. Ich bin froh, jetzt wieder arbeiten zu können.“ Verständlich, denn was Oliver Malchow erlebt hat, ist ein Albtraum. Im vergangenen Sommer, abends während der Arbeitswoche, kommt es in Berlin zum Herzinfarkt. Er kann sich nicht mehr dran erinnern. Dass er zum Telefon griff, um Hilfe rief, ist das Letzte, was er noch weiß. „Es gab keine Vorzeichen, ich fühlte mich topgesund. Aufgewacht bin ich dann im Herzzentrum.“

Sein Glück, dass es in der Stadt passierte, auf dem Land hätte der Transport in die Klinik länger gedauert. „Ich wäre wahrscheinlich tot“, sagt Oliver Malchow ruhig. Wie die 50 104 Deutschen, die im 2014 am Herzinfarkt verstarben. Herzinsuffizienz ist in Mitteleuropa die Todesursache Nummer 1.

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Die Tasche mit den Batterien, die Oliver Malchows Leben retten.

Sechs Wochen Intensivstation folgten. Die Ärzte am Herzzentrum setzten ihm die nur wenige Zentimeter große Pumpe in einer zweistündiger Operation ein. „Schwimmen darf ich damit nicht, Duschen ist nur mit spezieller Schutzvorrichtung erlaubt.“

Solche Eingriffe sind Routine für Privatdozent Dr. Evgenij Potapov, einem der weltweit erfahrensten Spezialisten auf diesem Gebiet. Er führte in den vergangenen zehn Jahren schon über 1000 (!) durch. Schließlich ist das Herzzentrum in Berlin mit bisher über 2500 Implantationen seit 1988 das größte Kunstherzprogramm weltweit. 200 werden jährlich transplantiert, Tendenz steigend. Dr. Potapov: „Bei Eurotransplant stehen über 1000 Patienten auf der Warteliste. Nur etwa 600 Herzen werden pro Jahr transplantiert. Der Rest wartet also vergeblich.“ Das macht klar, wie wichtig die Weiterentwicklung der künstlichen Kreislaufpumpen ist. Christian Maier, Sprecher des Herzzentrums: „Immer häufiger werden Kunstherz-Systeme aber auch zu einer dauerhaften Alternative zur Transplantation, da nicht genügend Spender zu Verfügung stehen oder auch, weil der Zustand eines Patienten eine Transplantation nicht zulässt.“

In einigen Fällen erholt sich das eigene Herz der Patienten während der Entlastung durch die künstliche Pumpe sogar, so dass sie wieder entfernt werden kann.

Nach der OP folgten für Oliver Malchow vier Monate Reha. Die Zeit fasst der Kriminaloberrat betont sachlich mit ernstem Gesicht zusammen: „Es war schwierig, wieder auf die Beine zu kommen.“ Es gibt nichts zu lachen, wenn man sich ins Leben zurückkämpft.

Genau kann er sich erinnern, wie die Ärzte ihm rieten, er solle runterkommen vom Leistungsdruck und sich damit begnügen, Sonnenaufgänge und -untergänge zu genießen. „Dass das mir aber nicht reicht, stellte man dann bald fest“, sagt Oliver Malchow sehr gelassen. Aber man spürt die Ungeduld und den Ehrgeiz, die den engagierten Gewerkschafter anspornen, der eigentlich in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein zu Hause ist.

Da lag er im Reha-Bett oder ging – sehr, sehr langsam– umher. Nur mit der einen Aufgabe: gesund werden. Eine Riesenaufgabe, größer als jede andere. Weil sie so existenziell ist. Geholfen hat ihm in dieser Zeit, dass er gerne liest. Genossen hat er seinen Lieblingsautoren Herrmann Hesse. Den großen spirituellen Intellektuellen der Literatur, so was Herzergreifendes. Jetzt lässt er doch ein Lächeln raus. „Dabei kann ich ganz entspannt sein. Aber was mir wirklich geholfen hat, ist die Rückkehr in den Beruf.“ Sichtlich erleichtert ist er, sich wieder im vertrauten Berliner Büro mit den zahlreichen wichtigen Themen beschäftigen zu können: Wie es mit der von zu vielen Aufgaben überforderten Polizei in Deutschland weitergeht. Wo den Kollegen der Rücken zu stärken ist in den heftigen Auseinandersetzungen mit der Politik. „Gedanklich kommt man weg von der ewigen Frage: Was ist mit dir?“

Zur Sicherheit hat er aber unterwegs und zu Hause immer Ersatz-Akkus bei sich. Trotzdem: „Das Leben ist wieder wie vorher. Nur die Abläufe haben sich geändert. Ich muss einfach aufpassen, dass die Batterien nicht plötzlich leer sind.“



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