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Berliner-Kurier.de | Jobcenter Neukölln: Mit Kampfkunst in den Kundenkampf
10. May 2013
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Jobcenter Neukölln: Mit Kampfkunst in den Kundenkampf

Evelyn Schütz zeigt die richtige Körperhaltung.

Evelyn Schütz zeigt die richtige Körperhaltung.

Foto:

Thomas Lebie

Auf dem Weg in Richtung Eingangstür verheißen wütende Zeichen nichts Gutes. „Ämter töten“ steht groß und grell an einer Betonwand geschrieben, blaue Farbbeutel-Kleckse prangen verschmiert an der Fassade. Keine dieser Hassbotschaften kann dem Beobachter entgehen. Jeder, der diesen Weg zurücklegt, spürt, dass das Jobcenter Neukölln ein schwieriger Ort sein muss.

Wie jeden Mittwoch passiert auch Evelyn Schütz die Frust-Attacken Einzelner mit ihrem schwebenden Gang. Sie sucht keinen Job, sie hat einen zu erledigen. Die 47-Jährige beherrscht in Perfektion die chinesische Kampfkunst Tai-Chi und ist vom Jobcenter Neukölln als Trainerin engagiert, um den Mitarbeitern die Kunst des Schattenboxens zu lehren. Denn jeder Tag an diesem Arbeitsplatz erfordert besondere Selbstbeherrschung, einen gestählten Geist und höchste innere Ruhe. Ein Balanceakt, den viele Mitarbeiter in den letzten Jahren nicht geschafft haben. Sie wurden krank.

„2011 hatten wir 25000 Ausfalltage, die meisten davon wegen Krankheit“, erzählt Geschäftsführer Klaus-Peter Hansen. „Aufs Jahr gerechnet entspricht das 125 Arbeitskräften, die einfach fehlen.“ Hansen sah „akuten Handlungsbedarf“ und startete eine Gesundheitsoffensive im Haus. Am Arbeitsplatz kann sich nun jeder mit Massagen, Lauftreffs, Burnout- und Konflikttrainer wieder ins Gleichgewicht bringen. Auch wenn das Angebot nicht zur Arbeitszeit gerechnet wird, ist es beliebt. Denn Entlastung im Job ist kaum in Sicht. Mit aktuell rund 78000 Hartz-IV-Beziehern ist das Jobcenter Neukölln Spitzenreiter in ganz Deutschland.

Und die „Kunden“ tragen schweres Gepäck mit sich, wenn sie vor ihren Schreibtischen Platz nehmen: Frust, Wut, Existenzangst, Unverständnis, manchmal auch Drogenprobleme und zu dünne Nerven. Dramatische Ausbrüche wie letztes Jahr in Neuss, als ein Arbeitsloser seine Arbeitsvermittlerin mit einem Messer attackierte und tödlich verletzte, waren wochenlang Gesprächsthema auf den Fluren.

Laut einer Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung gaben knapp 70 Prozent der 2.194 befragten Jobcenter-Mitarbeiter an, sich am Arbeitsplatz gelegentlich oder oft bedroht oder unsicher zu fühlen. Ein Viertel sagte, schon einmal Opfer eines Übergriffs geworden zu sein.

Mittwochs ist ein ruhigerer Tag in dem riesigen Neuköllner Gebäude-Komplex aus Glas und Stahl. Die offenen Empfangstresen haben geschlossen, nur Kunden mit Termin gehen ein und aus. „Alfie“ (so heißt Evelyn Schütz in der Tai-Chi-Szene sowie in ihrer Tai-Chi-Schule in Wilmersdorf) schiebt im dritten Stock die Warteschlangen-Absperrungen zur Seite, an denen sich sonst wartende, meist lethargisch blickende Menschen reihen. Die Sonne scheint durch die offene Fensterfront. Die Trainerin hat sich diesen Raum wegen der beruhigenden Wirkung der grünen Bäume ausgesucht.

Herr Rappich, Leiter des Neukundencenters, ist als Erster da und zieht gleich seine schweren Lederschuhe aus. Die Stunde mit chinesischer Kampfkunst ist für ihn eine Auszeit vom „Trott“. „Viele meiner Mitarbeiter fragen mich, ob diese braunen Antrags-Mappen denn nie ein Ende nehmen“, erzählt Herr Rappich, der sich auch regelmäßig 20 Minuten an seinem Arbeitsplatz massieren lässt. „Dann stell ich mir die Sonne und das Meer vor.“ Denn schöne Gedanken sind bei diesem Sisyphos-Job manchmal das Einzige, das hilft, mit so einer „Fließbandarbeit“ klarzukommen.

Doch die Flut an Anträgen ist es nicht allein, wissen Frau König und Frau Stremlow, die schon barfuß bereit stehen. „Manche Schicksale lassen einen manchmal nicht mehr los. Das kann sehr belastend sein“, erzählt Frau Stremlow, Arbeitsvermittlerin für Jugendliche. Doch hier kann sie entspannen. „Hier denke ich an keine Arbeit.“ Gleich zu Beginn schließt sie ihre Augen, während Evelyn Schütz in ihr Training mit Atemübungen startet. Mit fließenden Bewegungen und einer gesunden Körperhaltung für den traditionellen Nahkampf aus dem alten China bekommt das Hinweisschild „Bitte Abstand halten! „ plötzlich eine vollkommen neue Bedeutung.

Mehr Infos unter www.chenstil.com

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