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Heerstraße-Nord: Hilfe, wir werden zum Armenhaus Berlins

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In der Großsiedlung Heerstraße-Nord in Spandau leben 18.000 Berliner. Sie werden immer ärmer.

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cam.cop media / Andreas Klug

Berlin-Spandau -

Kieze wandeln sich. Das war schon immer so. Selten jedoch ist ein Kiez so eklatant abgerutscht wie die Heerstraße-Nord. Nirgendwo sind die Mieten billiger, nirgendwo ist der Hartz-IV-Anteil höher. Vor allem in den letzten drei Jahren ging es rasant abwärts. Der KURIER schaute sich um im Armenhaus Berlins.

Wer nur oberflächlich hinsieht, kann der Siedlung ganz im Westen Berlins, im Spandauer Ortsteil Staaken, nicht Schlechtes abgewinnen. Die Wohnungen sind groß und günstig, es gibt ein Einkaufszentrum, eine gute Anbindung in die Stadt, viel Grün drumherum.

Diese Vorteile preist auch Carola Burchardt an. Seit mehr als drei Jahrzehnten lebt die heute 51-Jährige im Kiez. Der hat für die Reinigungskraft erhebliche Schattenseiten: „Ich schäme mich, wenn Besuch kommt.“

Sie sagt: „Es ist dreckig, es ist laut, die Menschen sind zum Großteil sehr arm. Unser Center ist nur am Monatsanfang gut besucht, wenn es Geld vom Amt gibt. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich wie viele andere sofort wegziehen.“ Die Neuen sind Hartz-IV-Empfänger, kinderreiche Familien, prekär Beschäftigte, Niedriglöhner. Schon mehrmals kam es vor, dass Burchardt morgens auf dem Weg zur Arbeit über schlafende Obdachlose im Hauseingang stolperte.

Rund 18 000 Menschen leben in der Siedlung. Die Zahlen sind dramatisch. Die durchschnittliche Kaltmiete liegt bei 5,33 Euro. Berlins Schlusswert. Der Ausländeranteil beträgt 16,7 Prozent, fast jeder zweite Bewohner hat einen Migrationshintergrund. In der Schule sprechen 74 Prozent der Kinder eine andere Muttersprache als Deutsch, zu manchen Elternversammlungen werden mehrere Dolmetscher gebraucht.

Die Gewobag, größter Wohnungsverwalter in Heerstraße-Nord, besitzt 2055 Wohnungen, der überwiegende Teil ist preisgebunden. Sprecherin Dr. Gabriele Mittag. „Dies bedeutet, die Wohnungen haben niedrige Mieten und die Vergabe ist streng geregelt, nur WBS-Berechtigte dürfen hier eine Wohnung mieten.“

Eine von ihnen ist Jenny Himmel (25). Sie hat weder eine Berufsausbildung noch einen Job. Für ihre Einzimmer-Wohnung zahlt das Amt gut 300 Euro. Sie weiß, dass sie zu den sozial Schwachen, von denen es hier tausende gibt, gehört. „Ich fühle mich wohl in der Nachbarschaft. Aber abends traue ich mich nicht mehr raus.“

Auch das hören die KURIER-Reporter immer wieder. Die Anwohner berichten von Jugendgangs, die nach Einbruch der Dunkelheit selbst vor Rentnern nicht haltmachen würden. Oder von aggressiven Trinkern, die ihren Frust im Vollrausch wahllos an Spaziergängern auslassen. Oder von Dealern, die am helllichten Tag Stoff verkaufen. „Früher hat man hier auf sich aufgepasst“, so Rentner Richard Rybarczyk, ehemaliger Baggerfahrer.

„Da kannte man jedes Gesicht im Haus. Heutzutage ist alles ein fliegender Wechsel, alle paar Monate ziehen neue Leute ein. Deutsch spricht von denen keiner. Oft schmeißen sie ihren Müll einfach aus dem Fenster oder stellen den Flur mit Möbeln voll.“

Das Ruder herumzureißen, dürfte schwer werden. Aber Politik und Initiativen versuchen es. Berlins SPD-Fraktionschefs Raed Saleh, selbst in Heerstraße-Nord aufgewachsen, sagte dem Tagesspiegel: „Spandau darf nicht zum Armenhaus Berlins werden.“ Es sei gelungen, das Quartiermanagement zu verlängern und gut sieben Millionen Euro aus dem Förderprogramm Stadtumbau West bewilligt zu bekommen.

Außerdem schuf die Gewobag einen Gemeinschaftsgarten im Blasewitzer Ring, es gibt ein Stadtteilfest und eine monatliche Stadtteilkonferenz. 



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