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Görlitzer Park: Das Café, das jetzt mit den Dealern dealt

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Annika Varadinek vor ihrem Café in der
Kreuzberger Falckensteinstraße 18.

Foto:

Bernd Friedel

Kreuzberg -

Brennpunkt Görli. Gestern verkündete Innensenator Frank Henkel (CDU) eine erschreckende Zahl. Mehr als 58.000 Einsatzstunden leistete die Polizei im vergangenen Jahr im Görlitzer Park, fast doppelt so viele wie 2014. Aber: Selbst mit massiven Kontrollen bekommt Berlin das Dealerproblem in der Grünanlage nicht in den Griff. Annika Varadinek schon. Sie bietet Drogenverkäufern eine bessere Perspektive.

Kuyateh, 30 Jahre alt, ist schüchtern. Fast ängstlich. Seinen richtigen Namen will er nicht verraten. Während er Apfel-Marzipan-Rosen knetet, wird klar warum: Vor Jahren musste er seine Heimat Gambia verlassen. Sein Vater wurde verfolgt, seine Mama schickte ihn fort. Denn Gambias Präsident lässt Andersdenkende ohne Prozess köpfen, sein Netzwerk soll bis Europa reichen.

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Auch Flüchtling Morro (16) kam hier unter.

Foto:

Bernd Friedel

Sicher ist Kuyateh selbst in Berlin nicht. Über Libyen und Lampedusa gelangte er in die Hauptstadt. Schon in Italien hörte er von den Verdienstmöglichkeiten im Görli. „Brauchst du was?“ oder „Willst du was?“ waren lange die einzigen deutschen Sätze, die der Dealer Kuyateh beherrschte. Seine Lage: aussichtslos. Sterben in Afrika, sterben im Schlafsack im kalten Park, sterben im Knast. Sein Leben: alternativlos. Irgendwann allerdings lernte Kuyateh Annika Varadinek kennen.

Sie wohnt mit ihrer Mama Gitta, einer Rechtsanwältin, ganz in der Nähe des Parks. „Ich gehe dort oft mit meinen Hunden spazieren. Am Anfang hat es uns genervt, immer angequatscht zu werden. Aber irgendwann kann man vor den Biografien der Männer die Augen nicht mehr verschließen. Und so haben wir uns gefragt, was wir tun können, um sie aus diesem Sumpf heraus zu holen.“

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Im Café machen ehemalige Drogendealer aus dem Görlitzer Park ein Praktikum in der Küche.

Foto:

Bernd Friedel

Die Hilfe ist gewaltig: Annika und Gitta lassen die Afrikaner bei sich wohnen, bieten über den von ihnen gegründeten Verein „Bantabaa“ Deutschkurse an, kümmern sich um Rechtsberatung. Und: Fünf Flüchtlinge arbeiten heute in der Küche im Café Varadinek in der Falckensteinstraße. Sie lernen backen und bekommen dafür 300 Euro im Monat. Finanziert wird das Ganze über die Einnahmen des Cafés und das Vermieten einer Ferienwohnung im Haus. Klar ist aber: Wer weiter dealt, fliegt.

Besonders stolz ist Annika Varadinek auf Morro. Gerade 16 Jahre alt ist der Gambier. Im Café ist er eine fast unersetzbare Stütze. „Ihn haben wir in einer Willkommensklasse untergebracht. Vorgestern kam er mit einem Deutsch-Test zurück. Als Klassenbester.“