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Gedenken an Sozialisten: Rückwärts immer, vorwärts nimmer

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Nelken am Grab von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

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dpa

Berlin -

Es gibt Berliner, bei denen steht der zweite Januar-Sonntag  ganz rot im Kalender. Die jährliche Ehrung der am 15. Januar 1919 von Freikorps-Soldaten ermordeten Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hat bei ihnen Tradition. Zu DDR-Zeiten war der Marsch zur Gedenkstätte der Sozialisten Pflicht. Am Sonntag zogen Tausende freiwillig dorthin –   aus  Überzeugung.

Einer von ihnen ist Bodo Quart (77). Für den Eisenbahn-Ingenieur aus Biesdorf war es nie Zwang, an der Demo  teilzunehmen. „Seit den Weltfestspielen der Jugend, die 1973 stattfanden, bin ich jedes Jahr dabei“, sagt Quart. Kein Wunder: Der Mann war nicht nur Eisenbahner, sondern auch Mitarbeiter im ZK der SED.

So ist die traditionelle Veranstaltung für ihn auch ein Wiedersehen mit alten Kameraden und ein Treffen mit jüngeren Genossen der Linkspartei. „Der Besuch hier im Januar verbindet die Menschen“, sagt Quart. Für ihn lebt die Botschaft der  ermordeten Arbeiterführer weiter. Auch in seiner Familie. Stolz erzählt er von seinen vier  Kindern und sechs Enkeln. „Das Gedenken an Karl und Rosa und die linke Weltanschauung gehören zu meinem Leben.“ Zwei Nelken legte er an ihren Gedenksteinen  nieder.

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Rote Nelken von roten Linken: Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch und Gregor Gysi.

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Volkmar Otto

Mit wuchtigen Kränzen kam die Polit-Prominenz, die den Gedenkmarsch anführte. In vorderster Front marschierten die  Parteichefs der Linken, Katja Kipping und  Bernd Riexinger –  Seite an Seite mit  den Linken-Fraktionschefs im Bundestag, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Mit dabei waren auch Gregor Gysi und Oskar Lafontaine.

Das Ritual auf dem  Zentralfriedhof verfolgt Gerd Hommel (78) seit 1997.  Aus Dresden kommt er stets angereist. „Die  Ehrung für Karl und Rosa ist für mich selbstverständlich“, sagt er. „Beide haben noch heute Symbolkraft“, sagt Hommel, der sich als Vorsitzender des Revolutionären Freundschaftsbundes zu erkennen gibt. „Den hat 1995 die Tochter von Ernst Thälmann, Irma Gabel-Thälmann, gegründet.“

Schon zu DDR-Zeiten wäre Hommel gerne beim Gedenkmarsch dabei gewesen.  Doch berufliche Gründe hinderten ihn. Hommel, der vor der alten Flagge der Sowjetunion mit Hammer und Sichel steht, sagt: „Ich war bei den ganz Bösen.“ Als Stasi-Mann sei er verantwortlich für die Auswertung von Informationen zur Stimmungslage der Bevölkerung im Bezirk Dresden gewesen, zudem noch aktiv in der Spionageabwehr.

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Die linke Parteispitze und zahlreiche Anhänger gedenken Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

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dpa

„Ich stehe und stand immer auf der richtigen Seite“, sagt er und  berichtet Erstaunliches: „Wir sind nach wie vor in der Phase vom Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, trotz einzelner Rückschläge.“

Ein Stammgast der Gedenkveranstaltung ist auch Günter Boller (82) aus Lichtenberg. „Schon in den 50er-Jahren war ich mit meinen Eltern dabei“, sagt er. „Ich bin weiter mit der Idee des Sozialismus verbunden, dies habe ich auch meinen Nachkommen vermittelt.“ Der  einstige Schriftsetzer und Volkspolizist hat zwei Töchter, drei Enkel. „Mein  jüngster Enkel, 28 Jahre alt,  hat mich sogar schon  hier zu der Gedenkstätte begleitet.“

Rückwärts immer, vorwärts nimmer – die Gedanken vieler Teilnehmer waren Sonntag noch bei den für sie guten, alten Kampfzeiten. Darum legten einige Genossen nicht nur  Nelken bei Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ab. Auch das Grab von Honecker-Vorgänger Walter Ulbricht verschönerten viele Blumen. Auch das hat Tradition.