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Berliner Steuer-Euro: Sarrazin: 150 Mio in 4 Minuten verzockt

Thilo Sarrazin gefällt sich in der Rolle des Opfers. „Tugendterroristen“ machen dem armen Mann Angst. Und wegen dieser Botschaft versetzt er das höchste englische Gericht.

Thilo Sarrazin gefällt sich in der Rolle des Opfers. „Tugendterroristen“ machen dem armen Mann Angst. Und wegen dieser Botschaft versetzt er das höchste englische Gericht.

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dpa

Berlin/London -

Thilo Sarrazin jammert in seinem neuen Buch „Der neue Tugendterror“, dass man ihm und anderen, die wichtige und unbequeme Wahrheiten zu sagen hätten, nicht zuhören dürfe. In London wollte ihm Richter Julian Flaux am High Court am Montag durchaus zuhören – aber da will Thilo Sarrazin lieber für sein Buch in Berlin werben. Es geht ja in London auch nur um 150 Millionen Berliner Steuer-Euro ...

Der einstige SPD-Finanzsenator Sarrazin sollte Flaux heute als Zeuge dienen, berichtet der Spiegel. Denn die BVG wehrt sich vor dem englischen Gericht gegen die Klage der US-Bank JP Morgan Chase, die von ihr die 150 Millionen Euro verlangt.

Wie der KURIER berichtete, war die BVG 2007 eine Wette mit der Bank eingegangen, die schief ging. Im Kern ging es darum, dass die BVG 5,7 Millionen Euro kassieren sollte, wenn eine bestimmte Zahl von 150 Unternehmen nicht in Zahlungsschwierigkeiten gerät

Die BVG meinte, dass dieser Gewinn schon dann fließt, wenn auch nur eine der Firmen immer flüssig bleibt. In Wahrheit steckte in dem vertrackten Vertrag offenbar drin, dass weniger als zehn Unternehmen in Schwierigkeiten geraten müssten, um die Bank zum Gewinner der Wette zumachen – und die BVG ihr 150 Millionen Euro zahlen muss. Und das Geld will die Bank jetzt haben, während sich die BVG mit eigener Ahnungslosigkeit und schlechter Beratung durch die ausgebufften Banker verteidigt.

Sarrazin soll als Vorsitzender des BVG-Aufsichtsrats keine Ahnung gehabt haben, was er am 25. April 2007 genehmigte. Nach einem Tonband-Mitschnitt der Sitzung, die dem Gericht von der Gegenseite vorgelegt wurde, sagte Sarrazin damals: „Ja ... oh ... Was haben wir denn hier? Ja. Oh, das war diese Rätselvorlage.“

Er gab zu, dass er das Papier eines BVG-Managers nicht „vollständig“ verstanden habe, in dem das Geschäft mit der Bank vorgeschlagen wurde.

Sarrazin fragte dann laut Mitschnitt noch beim damaligen BVG-Chef Andreas Sturmowski nach, ob da auch kein Risiko besteht – Sturmowski stotterte was von Umschuldung, US-Bilanzierung und Umschichtung, und nach vier Minuten war der Deal bei Enthaltung der Arbeitnehmervertreter genehmigt.

Kenner des Londoner Gerichts und seiner Rechtsprechung geben der Klage von JP Morgan Chase gute Chancen, weil die BVG und ihr Aufsichtsrat damals wussten, dass sie keine Ahnung hatten, auf was sie sich einlassen. Nur wenn sie sicher gewesen wären, den Deal verstanden zu haben, würde das Argument zählen, übers Ohr gehauen worden zu sein. Sarrazins Absage dürfte Richter Flaux auch nicht mehr für die Sache der BVG einnehmen.