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Aufgemotzt: Berlins Fahrrad-Leichen leben länger

Mitte -

Überall in der Stadt sieht man sie: verbogene, verrostete, zerstörte Räder. Herrenlos gammeln sie vor sich hin. Bis das Ordnungsamt sie einsammelt und ... ja, was dann eigentlich? Beim Verein Goldnetz arbeiten Langzeitarbeitslose die Fahrradleichen wieder auf! Später werden die Räder für kleines Geld an Bedürftige verkauft.

Hier werden Fahrradleichen wieder zum Leben erweckt
Berlin, 2. März 2015: Die Schrauber der Fahrradwerkstatt Goldnetz flicken ausrangierte und verlassene Fahrräder wieder zusammen.

2566 Fahrräder wurden letztes Jahr zwangsentsorgt, weil sie offenbar niemand mehr haben wollte. Allein in Mitte waren es 419 Stück. Hier, in der Dircksenstraße, sitzt auch Goldnetz e.V., und im zweiten Hinterhof reparieren sechs Männer die alten Schrotträder. „Früher sind wir mit der Polizei zusammen losgezogen und haben die kaputten Fahrräder eingesammelt, mittlerweile bekommen wir viel von Hausverwaltungen und Privatpersonen“, sagt Werkstattleiterin Anja Ludwig (48).

Momentan warten etwa 100 Räder darauf, wieder straßentauglich gemacht zu werden. „Das dauert manchmal ein paar Tage“, sagt Rüdiger Kruse (45). Der Moabiter ist eigentlich gelernter Bauschlosser, musste aber wegen eines Rückenleidens umschulen – zum Fahrradmechaniker. Bevor er bei Goldnetz anfing, war er ein Jahr lang arbeitslos, sagt: „Ich bin froh, wieder etwas Sinnvolles zu tun. Ist doch toll, dass sich durch meine Arbeit andere Menschen ein Fahrrad leisten können.“

Denn die aufgearbeiteten Räder werden jeden Monat auf dem sogenannten Sozialmarkt am Nettelbeck-, Klausner- und Földerichplatz verkauft. Für etwa 20 bis 40 Euro. „Aber nur an Menschen, die nachweislich weniger als 900 Euro im Monat zum Leben haben“, erklärt Werkstatt-Chefin Ludwig.

Die hier arbeitenden Männer verdienen 1,50 Euro pro Stunde, ein Zuverdienst zum Hartz IV. „Aber die Arbeit hier macht Spaß“, sagt Wolfgang Alte (64), der zuvor zehn Jahre arbeitslos war. Und sein Kollege Frank Essig (52) ergänzt: „Das Team ist super. Wir helfen uns gegenseitig.“ Feinmotorik sei nicht so sein Ding, das mache der Wolle dann eben. Beide lächeln.

Infos zum Fahrradverkauf gibt’s auf www.sozialmarkt-berlin.de