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"Polenböller" und Schunkeln: So rutschte Berlin ins Jahr 2016

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Berlin -

An Silvester erinnert Berlin in manchen Kiezen an ein Kriegsgebiet - Raketen explodieren auf Balkonen, illegale „Polenböller“ zerplatzen mit markerschütternden Druckwellen. „Was hier abgeht an Feuerwerk und Böllern, das erlebt keine andere Großstadt“, sagt Berlins Feuerwehrchef. An Neujahr patrouilliert eine verdoppelte Stadtreinigungsmannschaft durch die Straßen, um die Überreste des Raketenrauschs verschwinden zu lassen.

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Tatsächlich lief der Rutsch ins Jahr 2016 aber recht friedlich ab - gerade auch auf der größten Silvesterparty Deutschlands am Brandenburger Tor. Die Polizei verzeichnete auf der Feiermeile keine größeren Vorkommnisse. Von der Terrorwarnung in München hat dort entweder niemand etwas mitbekommen, oder sie wird ignoriert.

„Drei, zwei, eins“, grölen Hunderttausende unmittelbar vor Mitternacht - und liegen sich dann unterm Feuerwerk in den Armen. Den Bands zufolge hätte auch das Jahr 1996 begrüßt werden können. Die wiedervereinigte 90er-Jahre-Boyband Caught in the Act hatte mit Synchrongesang den Countdown eingeläutet, davor durfte Rednex den Country-Ohrwurm „Cotton Eye Joe“ abspulen, Mr. President ließ mit „Coco Jambo“ altes Disco-Feeling wieder aufleben.

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Das hatte sich Jagdeep aus Indien etwas anders vorgestellt. „Ich freue mich vor allem auf die gute Berliner Electro-Musik“, erzählt der Masterstudent am Abend euphorisch, kurz bevor das Bühnenprogramm startet.
Gegen Nieselregen und Kälte wappnen sich die Feiernden mit heißem Caipirinha, warmem Essen wie Schwein am Spieß und ausgefallenen Kopfbedeckungen. Aus der Menge ragen bunte Katzenohren und pinke Cowboyhüte. An einem Stand mit Accessoires verkaufen sich aber schnöde Handschuhe und Wollsocken besser. „Hier sind viele Touristen unterwegs. Die unterschätzen die Kälte“, erklärt ein Verkäufer.

Und tatsächlich - von Farsi über Japanisch und Arabisch sind alle möglichen Sprachen zu hören. „Ich will Silvester vor den anderen Amerikanern feiern“, erzählt Hector aus den USA leicht beschwipst. Der 19-jährige Djihad und seine zwei Freunde sprechen ebenfalls kein Deutsch, sind aber keine Touristen - sondern Flüchtlinge aus Syrien. Seit vier Monaten leben sie in Deutschland. „Hier feiern viele Flüchtlinge“, erzählt Djihad.

Die Party kam zwar langsamer in Fahrt als an Silvester 2014. Aber gegen 22.00 Uhr war die Meile voll, nichts ging mehr, die Eingänge wurden geschlossen. Lange Warteschlangen gab es zuvor nicht. Die 600 Sicherheitsleute kontrollierten die Feierwilligen wie am Fließband: zuerst die Taschen nach Feuerwerkskörpern und möglichen Waffen absuchen, dann abtasten. Die Gäste hätten mit „wunderbarem Verständnis“ auf die Kontrollen reagiert, sagt Polizeieinsatzleiter Jörg Wuttig dem RBB.

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Das Sicherheitskonzept ist nach den Anschlägen von Paris und den Terrorplänen in Belgien verschärft worden. Mehr Polizisten sind im Einsatz. Erstmals sind auf dem Gelände große Taschen und Rucksäcke verboten. Viele Besucher hätten sich von ihrem Gepäck ohne Aufhebens getrennt, erzählt ein Wachmann. Andere hätten vereinzelt versucht, sich mit ihren Taschen an den Kontrollen vorbeizudrängeln.

Zwei junge Männer aus Südfrankreich sind von den Sicherheitsmaßnahmen nicht sonderlich beeindruckt. „In Frankreich gäbe es auf jeden Fall viel mehr Wachleute“, sagt Guillaume mit einem Glühwein in der Hand. Nicht einmal Maschinengewehre trügen die Polizisten hier. Sicherheit fühle sich anders an. Auch der Essener Wolfgang Meyer sagt: „Da ist immer was im Hinterkopf. Aber man darf sich von sowas nicht beeindrucken lassen.“ Er schwelgt lieber in Erinnerungen an seinen Berlinbesuch zum Jahrtausendwechsel. Damals war er frisch verliebt - jetzt ist er verheiratet und trägt Paillettenhut-Partnerlook mit Frau und Sohn. dpa



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