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Jugendrichter Andreas Müller: Vor ihm zittern die Teenie-Gangster

Andreas Müller ist Jugendrichter in Bernau. Seine Urteile sind knallhart. Mit Erfolg: Es gibt weniger Kriminalität.

Andreas Müller ist Jugendrichter in Bernau. Seine Urteile sind knallhart. Mit Erfolg: Es gibt weniger Kriminalität.

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Gudath

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Er ist schmächtig, hat ein schmales Gesicht mit hoher Stirn und schütterem rotblondem Haar. Mit dunkler, fast schon meditativer Stimme bestellt der Mann, mit dem ich mich in einem Frohnauer Garten-Café treffe, einen Milchkaffee und ein Stück Erdbeerkuchen. „Mit Sahne, bitte“. Sein Blick wirkt lieb, streift durch die Bäume und Büsche, in denen Vögel zwitschern. „Schön hier, ne?“, brummt mein Gegenüber und lehnt sich entspannt zurück.

Dieser Mann soll Deutschlands härtester Jugendrichter sein? „Richter Gnadenlos“, wie Andreas Müller (52) zuweilen genannt wurde. Einen Titel, den er hasste. „Weil Gnade zu unserem Recht gehört“, sagt er energisch, und plötzlich blitzen seine Augen auf. „Ich bin ein harter, ein engagierter Richter, aber nie gnadenlos!“ Ich spüre: Dieser Mann kann auch anders...

Seit 15 Jahren stellt er das am Amtsgericht im brandenburgischen Bernau (37.000 Einwohner) unter Beweis. Er fällte Urteile, die Schlagzeilen machten:

  • Müller verurteilte über 100 Neonazis, teils zu mehrjährigen Haftstrafen, ging auch über Anträge des Staatsanwaltes hinaus. Einige Rechte schickte er zum Besuch in die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.
  • Skinheads ließ er mit Handschellen abführen und sofort ins Gefängnis einrücken.
  • Er stufte Springerstiefel als Waffen ein, verbot sie. Das ließ er im Ort durch Polizei kontrollieren. Wer dagegen verstieß, wurde Richter Müller sofort gemeldet.
  • Ein Mädchen (15), mit Glatze, angeklagt wegen des Hitlergrußes (weil der gerade in ihrem Umfeld „in“ war), „verurteilte“ er zu einem Moschee-Besuch und zum Döner-Essen in einem türkischen Imbiss in Kreuzberg.

Seine Konsequenz, aber auch seine „erzieherische Kreativität“, sprachen sich herum. In Bernau, einst Neonazi-Hochburg, gibt es keine rechte Gewalt mehr. Die Rechten nannten mich „hart, aber gerecht“, erzählt er und seine Stimme verliert langsam ihre Sanftheit. „Die wollten Autorität, und ich verkörpere sie. In einer Bernauer Kneipe kam mal einer meiner ,Schützlinge’ auf mich zu: ,Ey, Müller, jut dass du mich damals weggesperrt hast. Sonst hätte ich noch eenen tot jehaun!’“

Er zündet sich seine x-te Zigarette an. Kettenraucher? „Normal nicht“, sagt er. „Nur, wenn ich unter Strom stehe.“

Das tut er, sobald es um Jugendgewalt geht, um „emotional erschreckend verwahrloste“ Intensivtäter, die keine Hemmschwelle kennen, keine Reue, keine Einsicht. Aber auch bei Sozialromantikern in Justiz und Politik, die den Kuschelkurs bevorzugen, die „selbst bei Serientätern das Köpfchen streicheln“, Geduld fordern – und zum x-ten Male Bewährung und sozialpädagogische Betreuung, über die sich „viele Jugendliche einfach totlachen“, wie Andreas Müller weiß.

Er ist für die Schockwirkung durch „Signalurteile“, „damit die Herrschaften wissen, woran sie sind.

Damit sie spüren: Dieser Staat, vor dem sie den Respekt verloren haben, kann sich wehren. Da kann man nicht Leute ins Krankenhaus prügeln und irgendwann lachend den Gerichtssaal verlassen“.

Irgendwann – ein Stichwort, auf das er anspringt. „Denn noch mehr, als an Härte, liegt mir an Schnelligkeit“, sagt er. „Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter müssen besser vernetzt werden, bei Intensivtätern und denen, die in der Bewährung straffällig werden, viel schneller agieren – damit nicht eine Ewigkeit vergeht, eher sie angeklagt werden. Es gibt Jugendliche, die haben 50 oder 60 Straftaten begangen, ehe sie mal vor einem Richter standen.“

Eine rascher Prozess ist also auch Opferschutz, sagt Müller und bricht die zweite Zigarettenschachtel an.

Daher ist er auch einer der Väter des „Warnschuss-Arrests“, den die linke Politik ablehnt. „Für mich ist es ein adäquates Mittel, zu sagen: „Ich verurteile dich zu einer Bewährungsstrafe, geb dir eine zweite Chance – aber erstmal schicke ich dich für zwei bis vier Wochen hinter Gitter. Zum ,Schnupperkurs Jugendknast’. Quasi zur Abschreckung nach dem Motto: ,Das blüht dir für lange Zeit, wenn du rückfällig wirst!’ Ich finde, eine angebrachte Sühne für jemanden, der z.B. in der S-Bahn einem die Nase bricht. Der überlegt sich, ob er das noch mal macht.“

Was brachte ihn eigentlich auf diesen harten Kurs?

„Mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Ich koche vor Wut, wenn einer prügelt, andere schwer verletzt, und mit Samthandschuhen angefasst wird, während das Opfer ein Leben lang leidet. Da hab ich mir irgendwann gesagt: ,Leute, nicht mit mir!’“

Ein Kurs, für den er angefeindet wurde – mal von Politikern, mal von Sozialpädagogen, mal von Kollegen, mal von Rechten, die Hakenkreuze in Bernauer Gerichtsbänke ritzten.

Aber er fand auch Mitstreiter, wie die gleichdenkende Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, mit der er befreundet war und die vor zwei Jahren Selbstmord beging. Ihr Tod traf ihn hart und er hat ihn, spürbar, bis heute nicht überwunden. Er lenkt sofort ab: „Wissen Sie, im Jugendstrafrecht hat sich vieles verbessert, aber Politik und Justiz dürfen sich nicht zurücklehnen, wir müssen noch agiler, vernetzter, schneller werden.“

Würde er heute noch einmal den gleichen Weg gehen?

Er grübelt, schaut ins Leere, zieht an Zigarette Nr. 18. Fast eine Minute vergeht, ehe er die Antwort gefunden hat: „Für mich gab es bei der Berufswahl zwei Möglichkeiten: Politiker oder Jugendrichter.“ Und er fügt hinzu: „Ich hab mich für den politischen Jugendrichter entschieden.“

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