Platt, aber glücklich: Ute und Manfred Schmidt nach ihrer Rückreise am S-Bahnhof Nöldnerplatz – die abenteuerliche Tour dauerte rund 30 Stunden. Foto: Thomas Uhlemann

Als der Corona-Wahnsinn hereinbrach, wurden auch viele Deutsche kalt erwischt, die sich gerade im Urlaub im Ausland befanden. Sie wurden ins Land zurückgeholt, teilweise in echten Nacht-und-Nebel-Aktionen. Eine Odyssee erlebten auch Ute Schmidt (58) und ihr Mann Manfred (60) aus Lichtenberg: Als das Chaos begann, waren die beiden gerade mit einer Reisegruppe im Segelboot auf dem Atlantik.

Wie abenteuerlich es werden sollte, konnten sie kaum erahnen

Lange hatten sich Ute und Manfred Schmidt auf ihre Reise gefreut. Dominikanische Republik, Segeln auf dem Ozean. Ein Abenteuer! Wie abenteuerlich es werden sollte, konnten die beiden am Anfang ihrer Tour aber kaum erahnen. Das was ihnen passierte, steht stellvertretend für alle Geschichten von Berlinern, die mit der Corona-Krise  aus dem Urlaub gerissen wurden. Die Reise startete am 5. März, die Schmidts fuhren mit zwei Schulfreunden los. Sie flogen in die Dominikanische Republik, bestiegen nach zwei Tagen mit 21 anderen Gästen ihr Segelboot.

Die Scmidts mit Freundin Una Döring auf dem Segelboot. Foto: privat

„Wir gingen in Boca Chica an Bord, segelten sieben Tage über das Meer“, sagt Ute Schmidt. „Es war traumhaft schön. Der Knacks passierte am 15. März.“ Da hörten die Passagiere, wie der Kapitän des Schiffes über den Funk eine Nachricht bekam. „Die Grenzen wurden geschlossen. Wir sollten binnen einer Stunde entscheiden, ob wir zurück nach Deutschland wollen.“ Sie waren zu dem Zeitpunkt weit weg vom nächsten Flughafen – also blieb nur: Weitersegeln. Über den Laptop des Kapitäns registrierten sie sich auf einer Rückhol-Liste des Auswärtigen Amtes. „Wir hatten kaum Handyempfang, nur nach und nach sickerten ein paar Infos durch, was da gerade in der Welt passiert“, sagt sie. Trotzdem sei die Stimmung auf dem Schiff gut gewesen. „Aber wir haben uns natürlich Sorgen gemacht um die Leute daheim“, sagt Manfred.

Die Polizei  forderte die Reisegruppe auf, aus dem Hafen zu verschwinden

Beim nächsten Landgang ein weiterer Schlag: „Wir besichtigten die Stadt Bayahibe – aber die Straßen waren sehr leer. Dann kam die Nachricht, dass unser Rückflug am 21. März gecancelt wurde.“ Am nächsten Morgen klopfte die Polizei ans Boot und forderte die Reisegruppe auf, aus dem Hafen zu verschwinden. Über das Meer ging es zurück nach Boca Chica, zum Ausgangspunkt der Fahrt. „Wir wussten gar nicht, ob wir noch von Bord dürfen, was jetzt passiert. Es kam heraus, dass wir uns noch frei bewegen dürfen, aber nur in Gruppen mit vier Personen.“ Um sich die Langeweile zu vertreiben, orderten sie ein Taxi in die Hauptstadt Santo Domingo – und fanden eine Geisterstadt vor. „Alles war leer, kaum Läden offen, nur viel Polizei war unterwegs.“

Ute und Manfred Schmidt im ICE von München nach Berlin - ein echter Geisterzug. Foto: privat

Erst am Wochenende, als die Rückreise beginnen sollte, erfuhr die Gruppe davon, dass bereits Rückholaktionen laufen. „Wir sahen im Internet, dass wir für einen Flug eingebucht waren, doch kurze Zeit später waren unsere Namen aus der Liste verschwunden. Es war Chaos!“ Am Sonntag kam die Meldung, dass sich die Schmidts und andere Reisende am Montag um 13 Uhr am Flughafen einfinden sollen – in der Hoffnung, eine Maschine nach Deutschland zu bekommen. „Also quetschten wir uns jeweils zu zwölft in einen Kleinbus und fuhren zum Flughafen.“ Hier bekamen sie ihre Bordkarte für einen Evakuierungsflug. Der Flughafen verlassen. „Es gingen ja auch nur noch zwei Flieger, einer nach Frankfurt, einer nach München.“

„Der Flughafen war ein Geisterflughafen, wir kamen uns vor wie im Film."

Die Sicherheitskontrollen seien nicht sehr streng. „Die wollten alle Touristen loswerden und waren froh, dass wir weg waren.“ Um 17 Uhr konnten die Schmidts das Flugzeug nach Deutschland besteigen. „Einige trugen Handschuhe und Masken, teils abenteuerlich umgebunden“, sagt Ute Schmidt. Nach zehn Stunden Flug: Ankunft in München. Auch hier gähnende Leere. „Der Flughafen war ein Geisterflughafen, wir kamen uns vor wie im Film. Oder in dem Kinderbuch ,Pelle allein auf der Welt‘‘. Mit der S-Bahn hing es zum Hauptbahnhof München, von dort mit dem ICE nach Berlin. Eine Fahrt im Geisterzug rundete den Abenteuerurlaub ab.

Die Bordkarten "für Evakuierungsflug" sind ein seltenes Souvenir. Foto: Thomas Uhlemann

Ankunft in Berlin: Dienstag, 18 Uhr, pünktlich zu Manfreds 60. Geburtstag. „Es war alles sehr skurril“, sagt Schmidt. „Aber auch passend. Am Ende blieb unser ICE noch auf der Strecke stehen – Signalstörung. Da fühlten wir uns wie zu Hause. Aber uns konnte nach 28 Stunden Reise nichts aus der Ruhe bringen.“ Und in der Berliner S-Bahn sei das Erste, was ihr auffiel, eine Frau mit einer Packung Klopapier gewesen, die sie vor lauter Verwunderung fotografierte. Willkommen in Berlin!