Archiv

GEBOREN IN DER DDR 15 Frauen erzählen in einem Buch über ihr Leben gestern und heute Jutta Deutschland ist eine davon: Sind Ost-Frauen anders?


Ost-Frauen meistern mit Lust und Leidenschaft ihr Leben, sie sind selbstbewusster und selbstständiger als ihre Pendants im Westen das sagt Martina Rellin mit ihrem Buch "Klar bin ich eine Ostfrau", das demnächst erscheint. 15 Frauen erzählen, wie sie arbeiten, denken, lieben. . . Eine von ihnen ist Jutta Deutschland, einst Primaballerina an der Komischen Oper Berlin. Ihr Wirken in und mit der Komischen Oper schien auf Lebenszeit angelegt aber auch für eine Primaballerina bedeutete die Wende: neue Pirouetten. Allerdings selbst gesprungene die Entscheidung fürs Kind, für die Kündigung, für völlig neue Arbeit. "Einmal, 1988, waren wir mit der Komischen Oper zu einem Gastspiel in der Großen Oper in Düsseldorf. Mit dem ,Sommernachtstraum , ich tanzte die Titania. Im Programmheft stand ich mit meinem Titel: Primaballerina Jutta Deutschland. Hinter Deutschland ein Schrägstrich: Deutschland/DDR. Das haben die ganz automatisch so ergänzt, bei den anderen Tänzern stand nichts. Dieses Programmheft hab ich heute noch. (. . . ). Geboren bin ich 1958 in Bad Freienwalde. Da gab s diese was war das noch Pioniergruppe? Nein. Laiengruppe? Wir haben getanzt Kindertanzgruppe! Ja, da isses, das Wort. Die Gruppe wurde von einer profilierten Tänzerin geleitet, einer Palucca-Schülerin, Dagmar Krüger, die war mit Horst Krüger verheiratet, dem Chef von der Horst-Krüger-Band. (. . . ) . Ich hatte eine traumhafte Kindheit, wohl behütet. Ich war Schlüsselkind, wie alle anderen, wir hatten viel Freiraum. Ich habe nie mit Puppen gespielt, immer mit Jungs. Ich habe Schule geschwänzt, hatte in Betragen eine Vier. Meine Schwester ging zum Studium und kriegte mit 18 ihren ersten Sohn. Meine Eltern wollten, dass sie auf jeden Fall das Studium weitermacht. Der Sohn kam zu meinen Eltern da war es nicht so schlimm für meine Mutter, dass ich wegging, nach Berlin ins Internat der Staatlichen Ballettschule. (. . . ) . Zur Wende war ich 31. Und Primaballerina. Das ist ein Titel, den dir der Intendant verleiht, von deinem Land, das gilt auf Lebenszeit. In Berlin gibt s zwei von uns, Steffi Schärtzer und mich. Steffi tanzt bis heute und hört gerade auf. Bei mir war zur Wende was anderes akut: Seit ich 30 war, wollte ich Mutter werden ich hatte meinen zweiten Mann kennen gelernt. (. . . ) Als ich irgendwann den Gedanken losgelassen habe: ein Kind das war 1992, ich war 35, hatte tolle Angebote, Tourneen, Gastspiele da wurde ich schwanger. Es war eine neue Zeit, eine neue Gesellschaftsordnung und ich voll mit Ideen, Plänen: Ich will, ich will, ich will. Es purzelten die Angebote, ich war gefragt Schwanger! Stopp, Jutta, habe ich mir da gesagt. Jetzt ist deine Zeit. Ich habe mich fürs Kind entschieden. Gott sei Dank. (. . . ). Ellis Vater, das ist der Filmemacher Peter Vogel. Ein sehr wie soll ich sagen profilierter Filmemacher, er hat große Literaturverfilmungen fürs Fernsehen gemacht, fürs Fernsehen, nicht fürs Kino. Christa Wolf, Stephan Hermlin, Thomas Mann. Der ,Polizeiruf 110 ist seine Entwicklung, den dreht er heute noch. (. . . ) . Es war schon etwas Besonderes, an der Komischen Oper zu sein. Wir waren ein Aushängeschild der DDR, ein Exportschlager. (. . . ) Ich hatte bei der Komischen Oper einen lebenslangen Vertrag, mit einem sehr guten Gehalt. Aber Geld ist kein Grund zu bleiben, oder? 1997 habe ich gesagt: Ich gehe. (. . . ) Jetzt habe ich eine Agentur, einen Arbeitsplatz im Büro, von dem aus ich organisiere, meine Projekte leite, das Ganze nennt sich Event-Design, wir gestalten Ereignisse, alleine und mit anderen. Event-Design früher hätten wir Künstlerische Umrahmung gesagt. (. . . ) . Vor zwei Jahren habe ich angefangen, mich wieder aufzubauen ich war psychisch und physisch am Ende, ich wog noch 38 Kilo , irgendwann bin ich im Krankenhaus aufgewacht. Für mich war das damals alles zu viel gewesen: Ich war raus aus dem festen Engagement, meine Tochter war da, es kam meine Selbstständigkeit mit der Ballettschule dann der Alzheimer meiner Mutter und die Verantwortung, zu entscheiden: Pflegeheim ja oder nein. (. . . ) . Bei mir blieb damals auch meine Ehe auf der Strecke. Das war toll von meinem Körper, dass er mir die Grenze gezeigt hat. Heute wiege ich schon wieder 46 Kilo. Das war immer die Gnade meines Körpers, dass ich beim Tanz nie Probleme mit dem Gewicht hatte, ich musste immer aufpassen, dass ich nicht zu dünn wurde. Seit zwei Jahren ist, wie gesagt, vieles anders, da ist Neugier auf Menschen, Offenheit für Nähe, sicher auch geschuldet dem Zusammenleben mit Peter. Es war eine Weile so, dass ich selber auf der Strecke geblieben bin, ich war nur für andere da. Erfolg macht einsam. Diese Einsamkeit habe ich im Unterbewusstsein gespürt. Die Anerkennung ist da, die war immer da, aber der Respekt steht im Wege. Ich meine: bei Männern, um sich zu nähern. Für mich als Frau, die in der Öffentlichkeit steht, ist es ganz schwer, einen Liebhaber zu finden. (. . . ) . Ich mag meine berufliche Selbstständigkeit. Ich finde das jetzt viel spannender, als wenn man wie früher den roten Teppich ausgerollt kriegt, den Parkplatz freigehalten kriegt die Primaballerina kommt. Es ist schon oft schwierig, den Kunden von einer Idee zu überzeugen, die du nicht zeigen kannst, im Zweifelsfalle ist ja jede Veranstaltung neu. Aber ich gehe gerne Klinkenputzen, ich mag das Tippeltappel, du kümmerst dich um mögliche Kunden, lernst sie kennen, sprichst mit ihnen, dieser ganze Vorgang ist spannender als die Arbeit auf der Bühne. Die ist körperlich anstrengend, ja, aber meine neue Arbeit ist geistig anstrengender, und: Man ist selbst verantwortlich. Das ist meine Erfahrung. (. . . ) . Man kommt im Alltag an, man trifft auch plötzlich sein altes Publikum auf neue Weise: Neulich war ich bei der Stelle im Amt, die die Fahrerlaubnis ausstellt, ich hatte meine verloren, also: irgendwie verdusselt. Da kuckt mich die Mitarbeiterin plötzlich an: "Sind Sie das, Frau Deutschland? Ich habe Sie früher immer so gerne tanzen sehen. " Das fand ich schön. Wenn ich dran denke, was Journalisten mich früher gefragt haben, wenn ich ,Schwanensee getanzt habe: ,Wie identifizieren sie sich mit der Schwanenprinzessin? Was denken Sie, wenn Sie tanzen? Als ich gesagt habe: ,Ich habe beim Tanzen dran gedacht, dass ich noch Brot aus der Tiefkühltruhe nehmen muss heute Abend , wollten sie das offenbar nicht glauben, geschrieben haben sie es jedenfalls nicht. ". BU: Statt auf den Brettern der Komischen Oper auf dem Pflaster des Prenzlauer Bergs: Primaballerina Jutta Deutschland Ende der 80er Jahre in der Husemannstraße. Foto: Günter Gueffroy. PRÄSENTATION, VERÖFFENTLICHUNG, LESUNG // "Klar bin ich eine Ostfrau" ihr neues Buch stellt die Journalistin und Autorin Martina Rellin am kommenden Donnerstag, 18. März, vor. 20 Uhr in der Alten Kantine/Kulturbrauerei (Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg), Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro, Tel. 030/44341952. Am nächsten Freitag, 19. März, kommt das Buch auf den Markt. Rowohlt Verlag, 16,90 Euro. Am 23. März um 19. 30Uhr gibt s im Kavalierhaus in Pankow (Breite Straße48) die erste Lesung. Eintritt 4 Euro, Tel. 030/47530704. Zitat: Ich mag meine berufliche Selbstständigkeit. Ich finde das jetzt viel spannender, als wenn man wie früher den roten Teppich ausgerollt kriegt, den Parkplatz freigehalten kriegt die Primaballerina kommt. JUTTA DEUTSCHLAND.

comments powered by Disqus
Aktuelle Videos
Geißlers Nachschlag: Der Ex-CDU-Generalsekretär im politischen Un-Ruhestand schreibt jeden Montag im KURIER
Sonderbeilagen & Prospekte
Sprengstoff: Journalist und Politik-Berater Michael H. Spreng schreibt im KURIER!
Blaulichtkurier
Top Stories
Neueste Bildergalerien

Berliner KURIER